Dies ist des erhabenen und ehrfurchtgebietenden Magisters Kulturkritikseite!

Hier werde ich von Zeit zu Zeit Kritiken zum Berliner Kulturleben, aber auch von nationalen und internationalen Aufführungen veröffentlichen.

____________________________________________________________________________________________________________________________________


O du fröhliche, O du selige, O du scheußliche Weihnachtszeit!


Das dachte ich, als ich den Auftritt des Knabenchors Hösel im Berliner Dom unter dem Titel "Tochter Zion, Freue Dich!" am 15.12.2012 miterleben mußte. Ich entschuldige meine Anwesenheit dadurch, daß ich mitgeschleppt wurde. Das führt ja oft zu ganz schönen Ergebnissen, in diesem Fall führte es leider zur Höchststrafe. Denn der Kitschfaktor der dargebotenen Lieder stieg unaufhaltsam an. Ich befürchtete das Schlimmste, als mir der Tenor Norbert Conrads mit seiner Pavarotti imitierenden Stentorstimme drohend "Weihnachten wird sein!" entgegenschleuderte. Zum Beispiel, daß unvermittelt Florian Silbereisen hinter dem Altar hervorträte. Eine Tochter Zion gab es übrigens nicht, aber einige andere Händelarien waren auf weihnachtlich umgetextet, für Chor und Stentorstimme arrangiert und verkitscht worden. Es ist ein Verbrechen, Opern nicht in der Originalsprache zu singen, wie Prof. Maehder zutreffend sagte, was von solchen Arrangements zu halten ist, dazu will ich mich gar nicht äußern. Also, es gab das übliche Weihnachtsarrangement von Liedern, aus denen - notabene - jeder Ernst, jeder Schmerz und jede Tragik ordnungsgemäß ausgetrieben wurde, wie es sich für solche Abende gehört.
Anders gesagt, das Publikum bekam exakt das was es wollte und was es sich erwartete, aber auch nicht mehr. Die ganze Sache war in Konvention geradezu erstarrt. Achso, der Chor war mittelprächtig und das Publikum applaudierte freundlich-zurückhaltend.
Und ich weiß wieder, warum ich Weihnachten so hasse!
Aber diesmal fällt es aus. Denn ich habe den Weihnachtsmann erschossen. Es war Notwehr!



Summa cum laude pro professorem et alios

Adventskonzert in St. Norbert am 13.12.2012 mit dem Kammerchor des Studiengangs Lehramt Musik der Universität der Künste, Chorleitung Frank Markowitsch, Orgel und Einstudierung der Kantaten durch Prof. Jochen Großmann

Nicht nur für ein Konzert angehender Musiklehrer war das eine beachtliche Leistung, sondern auch abgesehen davon. In der Kunst gibt es ja sowieso keinen Rabatt. Orgel war schön, schöner jedoch war es, wenn der Chor (von unterschiedlichen Studenten dirigiert) a capella sang. Man muß sagen, daß junge Stimmen doch eine besondere Klangqualität zu liefern vermögen. Den Gesichtsausdruck einiger der Damen muß man denn auch als mit holder Freude (und leicht-ironischem Grinsen) bezeichnen; sehr zu Recht, denn die Sache war großartig und wunderbar gemacht. Gegeben wurden verschiedene geistliche Stücke vorwiegend deutscher Komponisten zwischen Renaissance und Neuzeit, darunter einiges Bekanntes, so "Es ist ein Ros entsprungen" von Distler, oder "Hark, the Herald Angel sings" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Besonders konnte die Wechselgesangtechnik der Komposition "Carol of the bells" von Leontovich gefallen, die auch sehr präzise gebracht wurde. Antonia Demmler fiel beim Terzett "In te Domine speravi" von Giovanni Antonio Rigatti durch eine besonders schöne Stimme auf.
Die Auftritte dieses Studentenchors kann ich jedem empfehlen. Aus Dankbarkeit stiftete ich der Dame auf der Mondsichel eine Kerze. Sie lächelte ironisch. Im Vorraum verhieß mir dann der Heilige Vater vollständigen Ablaß bei der Teilnahme am Fatimagebet "unter den gewöhnlichen Bedingungen". Nunja. Tannhäuser mußte dazu noch über die Alpen nach Rom wandern. St. Norbert hat was zu bieten. Vor allem musikalisch.



Saint-Saëns: Oratorio de Noël in der Zwölf-Apostelkirche am 9.12.2012


Christoph Hagemann hat beim Orgelspielen einen schönen vergeistigten Ausdruck, der sich auch in seinem Spiel ausdrückt, ebenso wie in seinem Dirigat.
Zuerst gab es zwei Orgelstücke, den Marche religieuse opus 107 von Saint-Saëns und BWV 769a Vom Himmel hoch, unmerklich überleitend zum Bachischen Präludium des
Saint-Saënsschen Weihnachtsoratoriums. Kompositorisch ist Saint-Saëns aber doch ganz anders. Bach ist Versenkung in die deutsche Innerlichkeit, protestantische Zerknirschung und christliche Todessehnsucht, Saint-Saëns drückt dagegen durchaus religiöse Verzückung im lyrisch-französischen Stil aus. Das Weihnachtsoratorium schart sich für mein Empfinden um das Air "Domini, ego credidi" als dem Kern dieser Komposition, die Saint-Saëns offensichtlich locker aus der Hand geschüttelt und mit einem zusammengeschüttelten Text versehen hat. Aber das schadet nicht.
Gerade das Air fand ich von Gerald Beatty als Tenor zu hart gesungen, wie er auch in alle seine anderen Partien zuviel Härte und Schärfe gelegt hat. Er wäre besser als Evangelist in einen Bachoratorium geeignet, den leichteren Geist Saint-Saëns hat er nicht verstanden. Man muß auf diesen nicht mit dem Holzhammer einschlagen, das verträgt er nicht. Die anderen Solosänger waren aber gut, besonders konnte Julia Spencker als Sopran mit ihrer glockenklaren, weittragenden Stimme gefallen. Sehr schön. Das Orchester war gut ausgeprobt und der Zwölf-Apostel-Chor hat die Musik an vielen Stellen sehr schön aufleuchten lassen. Nur die Einsätze des Chores waren nicht immer ganz präzise, doch störte das kaum. Insgesamt stehen in diesem Werk durchaus die Solosänger im Vordergrund. Insgesamt sehr schön. Auch schön, daß die Kirche geheizt war. Kunst verträgt sich nicht mit Zähneklappern vor Kälte. Eine schöne Idee war es auch, Stühle in den Altarraum zu stellen, so daß die Zuhörer dort in Richtung der Empore sehen konnten, vermutlich war die Akustik dort auch gut. Dem Publikum hat es gefallen und deshalb sang es auch zum Schluß brav „Tochter Zion“ mit. Ich auch. Mit Händel kann man nichts falsch machen.



Über Sinn und Funktion von Kritik - ad usum delphini

(Über Kritik, Kindern erzählt)

 

Wie ich bemerkt habe, ist offensichtlich einigen meiner Leser die Funktion und der Sinn von Kritik nicht einmal in ersten Ansätzen klar. Ohne daher eine wissenschaftliche Grundlage mit der Diskussion relevanter theoretischer Autoren legen zu wollen, möchte ich daher einige einfache, grundlegende Hinweise geben, welches die Aufgabe der Kritik ist und was nicht ihre Aufgabe ist und sein kann.

 

1. Kritik ist keine Schmeichelei. Ist sie Schmeichelei, so ist sie keine Kritik. Kritik erfordert Ehrlichkeit und zwar vom Verfasser wie vom Leser. Wer zur Ehrlichkeit unfähig oder unwillig ist, der soll keine Kritiken verfassen und keine Kritiken lesen.

 

2. Kritik ist kein persönlicher Angriff. Sie hat nichts mit persönlichen Beziehungen zu tun, noch ist sie persönlich gemeint, sondern vielmehr richtet sie sich immer und ausschließlich auf ihren Gegenstand, nämlich die kritisierte Sache. Da es hier um Kunstkritik geht, richtet sie sich auf die Kunst.

 

3. Daraus folgt, daß es ebenso sinnvoll ist, Kritik persönlich übel zunehmen, wie es sinnvoll ist, einem Automechaniker persönlich übel zu nehmen, daß er die Fehlfunktion der Bremse am eigenen Auto festgestellt hat. Vielmehr muß man ihm für diesen Dienst dankbar sein.

 

4. Die Kritik erfüllt mehrere dialektische Zwecke im Rahmen der Aufklärung. Einerseits hilft sie dem Künstler, seine Sache noch besser zu machen. Andererseits nützt sie dem Publikum, gute Kunst zu erkennen und schlechte zu meiden. Sie dient der Selbstschulung und Selbstdisziplinierung; denn was man an anderen kritisiert, wird man bei sich selbst zu meiden suchen. Schließlich dient sie auch der Aufklärung und Selbstaufklärung des Publikums in Fragen der Kunst, denn es ist gerade Aufgabe der Kunstkritik, Fragen der Kunst zu erwägen und hierbei zu einem Urteil zu kommen. Selbstverständlich unterliegt auch die Kritik der Kritik und der Selbstkritik; jedoch ausschließlich aus sachlichen Gesichtspunkten. Persönliche Gesichtspunkte sind ausgeschlossen. Kritik ist also essentieller Teil einer Dialektik der Aufklärung und daher für eine aufgeklärte oder zu mindestens sich aufklärende Gesellschaft die Conditio sine qua non.

 

Wir wissen natürlich, daß es üblich und verbreitet ist, den Kritiker für seine Kritik zu schelten. Das heißt aber, den Überbringer einer Nachricht verantwortlich zu machen für eine Sache, die er nicht verursacht hat. Wie etwa den Automechaniker für den Schaden an der Bremse. Ich finde es höchst bedauerlich, daß zu viele sich geistig auf diesem Niveau befinden und habe daher diesen kleinen Leitfaden geschrieben, um ihnen zu helfen - ad usum delphini.




2.12.2012, Brandenburger Dom

Adventsliedersingen mit Domkantor Marcell Fladerer-Armbrecht, Orgel und Leitung. Adventsmusiken bei Kerzenschein im Dom zu Brandenburg, O Heiland, reiß die Himmel auf - Kantatenkreis Brandenburg, Brandenburger Bläser

 

Der Chor war ordentlich. Die Weihnachtslieder waren einfach. Der Posaunenchor war gut, aber die Trompete manchmal falsch. Das Ganze war so im Stil eines Mitsingkonzerts mit Conférence des Kantors gemacht, aber das zahlreich erschienene und für eine Sibirienexpedition ausgerüstete Publikum war eher zurückhaltend. Insgesamt eine nette, kleine Petitesse. Orgelmusik gab es entgegen der Ankündigung nicht. Der Dom war so eiskalt, daß man den Atem des bewußten Trompeters sah. Ansonsten ist der Dom sehenswert, mit Empore, statt Lettner und interessanten Kapitellen an den Säulen, seltsame, schwimmende Ritter mit Fischschwanz, der Endkampf der apokalyptischen Biester und eine  Judensau. Norddeutsche Backsteingotik, mehr monumental als schön. In einer Seitenkapelle betete Gretchen zur allerheiligsten Jungfrau, ich reichte ihr mein Fläschchen. Ohja, Kerzen gab's auch, irgendwo am Rand waren ein paar Teelichter aufgestellt. Sensationell.


Die Walküre mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am 24.11.2012 in der Philharmonie Berlin


Der Saal war gut gefüllt. Doch nicht alle Besucher waren textsicher, neben mir klammerte sich ein Paar an Textbuch und Programmheft fest. Man glaubt nicht, wie man es schaffen kann, mit einem Reclambändchen so laut zu rascheln. Zudem durfte ich mich an dem Herrn, der nie aufstand, jedes mal vorbeiquetschen, wenn ich zu meinem Sitz wollte. Zur Belohnung schnaufte er dann so laut, wie ein Blasebalg, so daß ich mich nach der ersten Pause wegsetzen mußte. Es war offensichtlich, daß beide der Handlung nicht folgen konnten.  Die Temperatur des Saales wurde leider zum Ende hin sehr warm, bis man sich entschloß, die Klimaanlage einzuschalten. Soviel zu den Mißlichkeiten.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski spielte gut und sicher, es war schön, einmal zu sehen, wie die Melodie von einem Instrument zum anderen und wieder zurück wechselte. Dennoch hat es das Publikum mit Klangfarbe und Subtilitäten nicht überschüttet, es hat sein Handwerk gut gemacht, aber eben nur sein Handwerk.

Von den Sängern war Brünnhilde (Petra Lang) die ausdrucksstärkste und warf ihre Heia-Hos geradezu übermütig heraus. Auch die anderen Walküren waren stimmlich gut besetzt. Leider ist man es ja gewohnt, daß Opernhäuser hier schwächere Stimmen einsetzen, die dann oft etwas dünn klingen im Gegensatz zum vollen Klang Brünnhildes.
Gut gefallen hat auch Hunding (Timo Riihonen), der seinen ausdrucksstarken Gesang durch Gesten zielsicher unterstrich, was auch die anderen Sänger taten, es fehlte nur noch das Schwert in Siegmunds Hand. Robert Dean Smith, mit dem man ja leider nicht immer zufrieden sein kann, machte seine Sache ordentlich, aber er ließ den Lenz auch nicht gerade überwältgend herein. Tomasz Konieczny war ein auch in der Mimik ausdrucksstarker, aber nicht übermäßig sonorer Wotan.

Trotz guter Gesamtleistung trat der mesmerisierende Mahlstromeffekt, den die Walküre hervorzubringen in der Lage ist, nicht vollständig ein. Manchmal hatte ich den Eindruck, daß Wotan und Siegmund einige Passagen zu rasch und zu wenig kontemplativ sangen, ich meine damit insbesondere die beiden großen Gespräche zwischen Wotan und Brünnhilde im zweiten und dritten Akt.

Schön war es, die Walküre einmal ohne Kostüm und Acting zu sehen. Letzteres kann schön sein, aber die Dekoration und Inszenierung kann auch stören und von der eigentlichen Sache ablenken. Es wird hier oft mehr getan, als nötig ist. So ist es nicht unbedingt nötig, daß Hunding mit Schergen in schwarzen Ledermänteln umgeben wird, die im Libretto nicht vorkommen.

Schön wurde mit der räumlichen Platzierung der Sänger gearbeitet, Siegmund und Sieglinde als Paar, Hunding weitab im Orchester. Wotan und Brünnhilde am Proszenium, die anderen Walküren an der Seite im Orchester. Statt sitzend auf ihren Auftritt zu waren, kamen die Sänger a point in den Saal, was der Sache eine gewisse schauspielerische Dynamik verlieh.

Das Publikum war nach allen drei Akten begeistert, viele Bravorufe. Insgesamt ein gelungener Abend. Man hat hier gute Sänger eingekauft und das Orchester hat gut gespielt und doch und vielleicht gerade deshalb fehlte noch ein Stück nach Walhall. Aus guten Komponenten allein wird noch keine ausgezeichnete Aufführung.

Die Walküre wurde als Teil des gesamten Zyklus aufgeführt, Siegfried und die Götterdämmerung werden am 1. und 15.3.2013 zu hören sein.





Impressum & V.i.S.d.P.:
Peer Scherenberg, M.A.
Hafenplatz 6
10963 Berlin
farasmane(at)googlemail.com